Ja, servus!
22.02.2010 von frollein
Vor einigen
Wochen bin ich in München gestrandet, und ich bin ein bisschen enttäuscht: Kein
Bussi-Bussi auf der Straße, keine Lederhosn und kein Dirndl weit und breit.
Gut, es ist Februar. Und zugegeben, letzte Woche fuhr ein Cabrio mit offenem
Verdeck auf der Leopoldstraße hin und her. Aber sonst?
Wo ist zum Beispiel die Großstadt? Mit der Straßenbahn schaukle ich durch eine
Ansammlung von gastronomischen Betrieben und historischen Bauwerken, was
manchmal auf dasselbe hinausläuft. Überall stehen Torbögen herum, umgeben von
ampelgesteuerten Kreisverkehren. In den U-Bahnhöfen ist es verdächtig ruhig und
sauber, und die Einwohner stehen auf den Rolltreppen rechts, damit man links
vorbeigehen kann.
Schon der Hauptbahnhof ist der Inbegriff der Genügsamkeit. Wo Berlin klotzt und
Stuttgart protzt, muss man in München das Gebäude erstmal suchen. Von außen
wirkt es wie eine Trinkhalle, ganz verschämt hängt am Seiteneingang ein Schild
mit seinem Namen. Am besten, man setzt sich in die Tram: Die Fahrt vom
"Hauptbahnhof Nord" über den "Hauptbahnhof Central" bis zum
"Hauptbahnhof Süd" dauert etwa zehn Sekunden und zeigt das ganze
Ausmaß der Bescheidenheit.
Auch von der Fülle der Fortbewegungsmittel sollten sich "Zugroaste"
nicht irritieren lassen. Weil so viele Menschen in dieser kleinen Stadt wohnen,
braucht es eben viel ÖPNV, um sie zu befördern. Da halten dann schon mal
nacheinander die S-Bahn, die U-Bahn, die Tram und der Bus an derselben Station.
Lassen Sie sich von der Größe des MVV-Plans deshalb nicht abschrecken: Das kann
man alles getrost zu Fuß machen.
Am besten ist man in München sowieso mit dem Fahrrad unterwegs. Denn auch wenn
bei klarer Sicht im Süden die Alpen grüßen – die Stadt ist platt wie ein
Pfannkuchen. Wie geschaffen für Rennschweine, denn nichts anderes ist der
Münchner Radler als solcher. Gefürchtet ist er, verflucht wird er, wenn er mit
50 Sachen durch die Stadt brettert und jegliche Verkehrsregeln
missachtet.
Da sein extrabreiter Radweg direkt neben dem Bürgersteig verläuft, haben
Fußgänger schlechte Karten, wenn sie unbedacht die Straße überqueren wollen.
Sollten sie den Lkw noch rechtzeitig entdeckt haben, werden sie spätestens vom
Radler geplättet, der wie aus dem Nichts auftaucht und fluchend an ihnen
vorbeirauscht. Es ist nie ganz klar, ob er nun wirklich im Recht war, aber tun
tut er auf jeden Fall so. "Saupreißn!" ist noch das mildeste Urteil
für die Uneingeweihten.
Sollten Sie sich selbst aufs Radl schwingen, rechnen Sie damit, von
Ihresgleichen rechts überholt und an den Ampeln geschnitten zu werden.
Schlimmer sind eigentlich nur die SUVs, was durchaus für interessante Duelle
sorgen kann: Die Radler- und die SUV-Dichte ist relativ hoch in München. Gleich
danach kommen die Leute, die ihre Ski durch die Stadt tragen, um mit der BOB
(Bayerische Oberlandbahn) hinauszufahren. An vierter Stelle dann die Schwaben
(aber wo sind die nicht?)
Ach ja, und die Zamperl natürlich. Auch wenn der Dachshundklub klagt, die Teckel
würden von Modehunden verdrängt – in München feiern sie fröhliche Urständ.
Kurzbeinig, nicht selten struppig, das Wamperl schon nahe dem Boden, sind sie
die ewig treuen Begleiter älterer Damen – beide etwas lichtscheu, beide etwas
sonderbar in ihren Angewohnheiten.
A propos Zamperl. Wenn Sie wirklich mitreden wollen, müssen Sie sich ernsthaft
mit dem hiesigen Idiom auseinandersetzen. All die sprachlichen Kleinodien gehen
sonst schnell durcheinander. Zum Mitschreiben: Zamperl = Dackel. Wampn = Bauch.
Wammerl = Schweinefleisch. Pflanzerl = Frikadelle (siehe auch Fleischpflanzerl
und Gemüsepflanzerl). Schwammerl = Pilze. Haferl = Becher. Alles klar? Also
bitte nicht – wie ich – am Bratwurststand voreilig eine Semmel mit Zamperl
bestellen, gell?
Sollten Sie all diese Worte tatsächlich irgendwo im Original hören, lauschen
Sie andächtig und nehmen Sie die Verfolgung auf. In München einem Münchner zu
begegnen, ist nämlich ebenso überraschend wie in Berlin einen Berliner zu
finden. Bleiben Sie also dran, auch wenn Sie nichts verstehen. Denn lange wird
es den Münchner Dialekt nicht mehr geben, wie mir mehrere ältere Herrschaften glaubwürdig
versichert haben.
Wenn Sie vorher noch schnell 'was lernen wollen, können sie erstmal alle
"a" durch "o" und alles Harte durch Weiches ersetzen. Das
macht schon einiges her. Lernen Sie in der U-Bahn. Meine Stammstrecke heißt zum Beispiel: Rodgreuzblotz –
Maillingerstroße – Stiglmaierblotz – Sendlinger Dohr – Fraunhoferstroße. Wenn
dann so ein echter Münchner am Mikro sitzt, fahre ich schon mal aus Versehen
bis zum Mongfollblotz.
Aber wir waren ja bei den Hunden. Der zweitgrößten Bevölkerungsgruppe in der
bayerischen Hauptstadt. Was man vor allem an ihrer Hinterlassenschaft sehen
kann: Rund 1800 Tonnen jährlich, wie das leidgeplagte Baureferat errechnet hat,
das den Scheiß notfalls wegräumen muss. Dieser Scheiß jedoch liegt nicht – wie
in Berlin – heimtückisch auf Gehwegen herum und wartet auf Opfer mit frisch
geputzten Schuhen.
Nein, in München wird das Zeug in rote und schwarze Beutelchen
verpackt und behutsam auf dem Grünstreifen abgelegt. Gerade jetzt vor Ostern, wo der
Schnee geschmolzen ist, bietet sich so ein skurriles Bild. An Bäumen und rund
um die Papierkörbe häufen sich diese doggy bags. Als seien die Herrchen nicht
in der Lage, den Entsorgungskreislauf zu vollenden. Als seien sie kurzsichtig.
Als seien sie mit einer Reststurheit gesegnet, die das Bußgeld umgeht, aber das
Prinzip durchfechtet.
Dabei geht München mit seinen Vierbeinern wirklich großzügig um. Leinenzwang
scheint hier ein Fremdwort zu sein. Kaum ein Supermarkt zum Beispiel, der nicht seine "Türsteher" hätte: Mit einer Pfote schon im Laden, lassen sie sich von den Schiebetüren fast die Schnauze einklemmen. Manche legen sich vor dem Eingang auch einfach ab und hypnotisieren das Ladeninnere, auf dass es ihnen ihr Herrchen zurückgeben möge. Bereitwillig teilt sich dann der Strom der Einkaufswagen vor den anhänglichen Zaungästen.
Niemand meckert wie in NRW: "Nehmen Se mal den Hund an die Leine!"

Gelassenheit auch in einer ganz anderen Angelegenheit: dem modischen Auftreten der bayerischen Polizei. Fährt man im Hauptbahnhof ein (das ist die Trinkhalle gegenüber Karstadt), fühlt man sich alsbald in die "Polizeiinspektion 1" zurückversetzt. Sie erinnern sich? Braune Hosen, grüne Jackets, fesche Mannsbilder. Auch wenn der Sparkurs löblich ist. Die Retromode lässt sofort die 70er wieder auferstehen, und da vor allem 1972. Keine schöne Erinnerung.